Nerds do not need to apply

Mit nur noch sechs Schleusen war die Fahrt nach Market Dryton schnell erledigt. Neben vielen anderen Hinweisen fand sich am dortigen Stützpunkt des Canal and River Trust Fand sich da auch diese bezeichnende Aufforderung sich doch als Helfer für die Station Norbury Junction. Wichtigestes Detail: Nerds do not need to apply

Gut, die Engländer sagens wie üblich leicht verklausuliert:

We’re not looking for people who are experts in the nation’s waterways but we are looking for people who are friendly and approachable and know who to ask if they don’t know the immediate answer.

Klingt, freundlicher, aber genauso uninklusive und rassistisch. Gesucht wurde jemand der ein kleines Informationsbüro (*1) an der Norbury Junction besetzen sollte uns so Touristen und Bootsfahrern zur Seite stehen soll.

Aber zurück zu den Adderley Schleusen. Eigentlich wunderhübsch gelegen zwischen Wiesen und im Anstieg eines Hügels. Amüsanter weise gibt es vor der ersten Schleuse auch au der Off-Seite (*2) Poller. Damit aber keiner auf die Idee kommt da auch anzulegen hat der Besitzer dann Stacheldraht aufgestellt. Was es nicht alles gibt. Dass der Flachköpper vor uns alle Schleusen (*3) offen stehen hat lassen macht störte nicht wirklich. Unhöflich ist es trotzdem. Am Kanal gilt, anders als an den meisten Flüssen, dass nach der Ausfahrt alle Tore wieder zu schließen sind. Grund ist, dass so der Wasserverlust durch undichte Tore etwas geringer ist (*4).

In Market Dryton bin ich dann erstmal zum Einkaufen gegangen. Diesmal bei einem ASDA. Nicht weiter bemerkenswert. Interessanter war da schon die Pillbox an der Brücke 62 an der wir angelegt haben. Um 1940 wurden in England derartige befestigte Wachbunker an vielen mehr oder weniger wichtigen Stellen aufgebaut. Insgesamt über 28.000 von denen heute noch mehr als 6.000 existieren. Genau handelt es sich um eines der häufigsten Grundmuster, ein normalerweise einstöckiges Bauwerk. Hier jedoch in der seltenen Typ 24 Variante mit einem Untergeschoss. Als letzter derartiger Bunker inzwischen denkmalgeschützt und vom lokalen Heimatverein gepflegt.  Was mich ein bisschen wunderte war die Lage auf der Südseite des Kanals. Klar, das gibt Schutz für den weiter Südlich gelegenen Ort. Nur irgendwie war ich immer der Meinung, dass die Invasion von Süden her erwartet wurde, oder?

Zum so bewachten Mittagessen brauchte Max aber eine extra Einladung, da er den gerade um das Boot schwimmenden Schwänen etwas skeptisch gegenüber stand. Nach dem Mittagessen ging es weiter. Nach ein paar Kilometer wiese links und rechts kamen die fünf Tyrley (gesprochen Turley) Locks, die sich in einen Hügel frästen.

Die Sandsteinwände in der Waldkulisse hatten was von der Bastei. Nur enger, kleiner und näher am Wasser. Na ok, es war ueberhaut nicht so, aber auf jeden Fall tauchte der klare und helle Herbsttag die Schlucht in ein richtig gutes Licht. Fast schon tauglich für den dramatischen Mittelteil einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung.

Wie gestern schon erwähnt waren wir hier ja mitten im Shropshire Dairyland. Kuh an Kuh und Wiesen unten drunter. Selbst die ansonsten allgegenwärtigen englischen Hecken und Mäuerchen öffnen sich hier für große Weideflächen. Auch wenn das in der Klamm nicht so aussehen mag. Die Liebe der Engländer zu kleinen Details am Rande ist aber auch in dieser Großlandwirtschaft immer wieder zu entdecken.

Aber der Kanal wird nicht nur so verschönert, sondern es wird auch kräftig daran gearbeitet. Die Reise durch die herbstlichen Kanäle zeigte auch viele Vorbereitungen für geplante Renovierungsaufgaben im Winter. Da stehen an vielen Schleusen schon Frachtkähne mit neuen Schleusentoren, die während geplanter ‚Stoppages‚ die alten ersetzen sollen. Im Fall von zwei der Tyrley Schleusen schon in 14 Tagen. Gerade noch Glück gehabt.

Am oberen Ende der Schleusentreppe erreichten wir dann Tryley Wharf, ein Nachtstop, der sich bei den Bootsführern und ihren Pferden gewisser Beliebtheit erfreute. Ein Stall für die Pferde und ein Inn mit frischem Ale für die Bootsfahrer. Nach dem ersten Weltkrieg wurde hier von Cadbury ein Sammelpunkt für die Milch der Gegend eingerichtet, die dann per Boot die ca. 5 Meilen bis zur 1911 in Knighton errichteten Schokoladenfabrik transportiert wurde.

Auf den ersten Blick mag ja eine Schokoladenfabrik mitten im Nirgendwo seltsam erscheinen, aber Milch ist nunmal ein wichtiger und vor allem leicht verderblicher Bestandteil für Schokolade und anderes Süßzeug.  Und der Kanal war die perfekte Infrastruktur dafuer. 10 Meilen Kanal auf- und abwärts konnte die Milch mit geringen Kosten gesammelt werden, gleichzeitig konnten sowohl die anderen Rohstoffe, wie Zucker und Schokoladennüsse, aus den Häfen im westen und Süden angeliefert werden, als auch die fertige Rohschokolade wieder per Boot zur Suesswarenfabrik in Bournvile zu transportieren.

Für uns war aber erstmal die Fahrt durch den Woodseaves Einschnitt angesagt. ein weiterer Hügel der einfach durchschnitten wurde (*5) . Stellenweise über 20 Meter tief.  Der Kanal ist hier nicht nur tief in der Klamm, sondern auch eher schmal. Während heute alles mit Bäumen und viel Grün bedeckt ist, selbst der äußerst unebene Treidelpfad, muss es damals den ersten Kanalbootfahrern wie der Kanal von Korinth vorgekommen sein. Die Bauarbeiten wurden wiederholt durch Erdrutsche behindert und so wie Seiten aussehen kommt das auch heute noch vor. Wenn man in der Schlucht ist, glaubt man leicht mitten in einem Urwald zu sein, dabei sind die Weidewiesen gleich hinter der Kante. Überspannt wird sie von mehreren teilweise sehr hohen Brücken.

Drei Meilen später am Ende eines weiteren, kurzen Einschnitts begann dann das Shebdon Embarkment, ein gut eine Maile langer Damm quer durch ein Tal mit der Knighton Foods Fabrik am Anfang. Dies ist die ursprünglich von Cadbury hier mitten im ‚Diary Farming Hinterland‘ angelegte Schokoladenfabrik.Auch wenn die Anlieferung der Milch per Boot schon Ende der 1940er Jahre  eingestellt wurde, der Abtransport der Rohschokolade nutzte den Kanal noch bis 1961.

Wir fuhren noch gut zwei Kilometer weiter um dann bei Brücke 42 für die Nacht anzulegen. Da ist auch der Anchor Inn, ein Pub im wahrsten Sinne des Wortes, besteht der Gastraum doch aus zwei kleinen Zimmern, eher kleine Stuben für vieleicht 5-7 Leute und eine Theke quer vor der Tuere die weiter ins Haus hinein führt.  Das Wadworth 6X gibts zur Haelfte von der Pumpe, zur anderen aus dem Eimer. So geht das Zapfen einfach schneller :))

Bilanz Tag 8: 13,3 Meilen und 10 Schleusen

*1 – Das Backsteingebäude im Hintergrund auf diesem Photo in der Wiki.
*2 – Am Kanal gibt es auf einer Seite immer den Treidelpfad (Towpath). Das Ufer, der Pfad und der Streifen auf dem er liegt gehören zum Kanal. Das andere Ufer, die Off-Side, gehört individuellen Grundstückseigentümern.
*3 – Also nicht alle Tore, sondern nur das jeweils Obere, über das er scheinbar ausgefahren ist.
*4 – Die Tore sind immer undicht.
*5 – Der Shropshire Union Kanal ist für seine kompromisslos gerade Linienführung bekannt. Eine Autobahn des frühen 19. Jahrhunderts.

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